Was brauchen Lehrer*innen, um ihren schulischen Alltag gut zu bewältigen? Wie können wir unsere Gesundheit und Widerstandskraft stärken? Was kann uns dabei helfen, den Herausforderungen der heutigen Zeit mit Zuversicht zu begegnen? Und wie kann eine online-Plattform dazu beitragen, dass Pädagog*innen sich als selbstwirksame Gestalter*innen ihres Lebens und ihres beruflichen Alltags erleben können?
Auch als elewa vor zehn Jahren als online Plattform für (Waldorf)Pädagog*innen gestartet ist, haben wir uns diese Fragen gestellt. Die rasanten Entwicklungen in der digitalen Welt und die Veränderungen, die in den letzten Jahren auf gesellschaftlicher und politischer Ebene zu beobachten sind und die auch die Bildungslandschaft wesentlich beeinflussen, waren nun Anlass für uns innezuhalten und uns zu fragen, wo wir heute stehen mit elewa, ob unser Anfangsimpuls noch trägt und wie es weitergehen soll und kann.
Wenn wir uns in der derzeit gängigen Literatur zu Bildungs- und Gegenwartsfragen und Herausforderungen umschauen, stoßen wir auf Namen wie Hartmut Rosa, Florence Gaub, Gerald Hüther, Margret Rasfeld, Joachim Bauer, Wolfgang Zierer und aus dem international Kontext Gert Biesta, John Hattie, Otto Scharmer und Kathrin Käufer. Ihre Beobachtungen und die Schlüsse, die sie daraus – z.T. besonders für die Lebenswelt von Heranwachsenden, aber nicht nur – ziehen, ergeben folgendes Bild:
der Alltag vieler Menschen ist von Un-Achtsamkeit im Miteinander sowie Schnelllebigkeit und einem Gefühl von Stress geprägt. Trotz der vielen Kommunikationsmedien und -wege leiden viele Menschen unter einem Verlust von echter Begegnung – mit anderen Menschen, mit der Welt, aber auch mit sich selbst. Gleichzeitig verleiten die vielen digitalen Möglichkeiten uns dazu, alles für machbar und planbar zu halten, was zu einem Optimierungswahn auf vielen Ebenen geführt hat. Echte Resonanzerlebnisse, die sich dadurch auszeichnen, dass sie unplanbar sind, gehen verloren. Dabei sind sie es, die unserem Leben einen Sinn verleihen. Wenn alle alles schaffen müssen, geht der Raum für die Anerkennung von Diversität und damit auch die Würde des Einzelnen verloren. Die ständige Begegnung mit den gegenwärtigen großen Krisen – unzählige Kriege und der Klimawandel – führen zu einer wachsenden Lähmung und dem Gefühl des Ausgeliefertseins an eine globale Welt. Das können wir vor allem bei jüngeren Menschen, aber auch bei Erwachsenen beobachten. Umso wichtiger ist es, dass wir unsere Selbstwirksamkeit als eine wesentliche Stütze unserer Zukunftsfähigkeit zurückgewinnen. In der Theorie U ist vom „Social Soil“ die Rede. Dabei geht es um die Qualität des sozialen Miteinanders und das Erleben von „Agency”. Sogenannte „Islands of Coherence“ – „Inseln der Kohärenz“ – können ein Gegenmoment zu dem Gefühl des Ausgeliefertseins an die globalen Ereignisse bilden. Innerhalb einer überschaubaren Gemeinschaft von Menschen, die in einem aktiven und kooperativen Engagement für eine gemeinsame Idee Kraft und Zuversicht schöpfen, können wir unsere Selbstwirksamkeit, englisch Agency, zurückgewinnen. In der Bildungslandschaft haben diese Beobachtungen und Erkenntnisse zu einer Reihe von neuen Ansätzen für Schule und Unterricht und zu einer Vielzahl interessanter Projekte geführt. Ein Verständnis all dieser Aspekte ist für unser pädagogisches Handeln wichtig. Gleichzeitig dürfen wir die Lehrkräfte selbst nicht aus den Augen verlieren, denn die gerade beschriebenen Phänomene tragen neben den beruflichen Herausforderungen im schulischen Alltag oftmals dazu bei, dass Pädagog*innen sich hilflos und erschöpft fühlen. Ein gesundes Arbeitsumfeld, in dem sich das Gefühl von sinnhafter Selbstwirksamkeit entfalten kann, ist also nicht nur für Schüler*innen, sondern auch für die Erwachsenen – Eltern, Erzieher*innen, Pädagog*innen – eine wesentliche Voraussetzung für ganzheitlich ausgerichtete, zukunftsfähige Bildungseinrichtungen.
Was hat das mit unserer online Plattform zu tun?
Unser Kernanliegen bei der Gründung von elewa, www.e-learningwaldorf.de, war es, durch unsere Angebote dazu beizutragen, dass Lehrkräfte verstehen, was sie im Unterricht tun, und sich dann in der Lage fühlen, dieses Verständnis kreativ, mit eigenen Ideen bereichert, in ihrem Unterricht umzusetzen. Dem lag und liegt die Erkenntnis zugrunde, dass Menschen, die verstehen können, was sie tun, die die an sie gestellten Aufgaben für machbar halten, und die in ihrem Tun einen Sinn erkennen, am ehesten ein Gefühl der Kohärenz entwickeln können, das – nach den Erkenntnissen der Salutogeneseforschung – wesentlich zur Resilienzbildung und damit zu einer nachhaltigen Gesundheit beiträgt.
Mitte letzten Jahres haben wir uns auf den Weg gemacht herauszufinden, ob das Konzept, mit dem elewa gestartet ist, noch trägt und/oder ob es vielleicht eine Änderung der Blickrichtung oder eine Ergänzung braucht.
So entstanden bei einem Theorie-U Workshop aus einer Standortbestimmung heraus die ersten Impulse für einen neuen elewa-Prototyp. Es wurde deutlich, dass zu einem ganzheitlichen Weiterbildungs- und Entwicklungsangebot neben der fachlichen Weiterbildung vor allem auch die Bereiche des sozialen Miteinander am Arbeitsplatz und der persönlichen Entwicklung und Gesundheit gehören. Hierfür braucht es auch einen Raum, der uns zum ganzheitlichen, lebenslangen Weiterlernen einlädt. Angesichts der allgemeinen Schnelllebigkeit wollen wir mit elewa noch stärker als bisher Räume schaffen, in denen Menschen, denen an Achtsamkeit, würdevollem Miteinander und kreativer Kooperation gelegen ist, miteinander arbeiten und voneinander lernen können: als Teilnehmende und Nutzer*innen der bestehenden Kurse und online-Dialoge, aber auch als Anbieter*innen und Gestalter*innen eigener Angebote, um damit das bisherige Programm zu erweitern und zu vertiefen. Die Idee für einen „Online Co-Learning und Co-Working Space“ war geboren.
Inneres und Äußeres verbinden, um eine Vision sichtbar zu machen
Im Laufe eines sich anschließenden, spannenden Design-Prozesses hat sich die Idee weiter entwickelt, die Konturen wurden geschärft, und das Ganze hat in Form einer neuen Webseite und visuellen Identität Gestalt angenommen. Es ist uns ein Anliegen, die Vielfalt der Angebote und die damit verbundene Flexibilität im Lernprozess deutlich sichtbar zu machen. Manche Menschen lieben es, auf dem Weg zur Arbeit einen Podcast zu hören. Andere bevorzugen das Lesen eines Blogartikels bei einer Tasse Kaffee oder Tee. Und wieder andere freuen sich auf die Möglichkeit, bei einem Online-Dialog anderen Menschen zu begegnen und in einen kollegialen Austausch zu treten.
In den zehn Jahren seit der Gründung der Online-Plattform www.e-learningwaldorf.de sind eine ganze Reihe von Online-Kursen für (Waldorf)Lehrkräfte, Pädagog*innen und an (Waldorf)Pädagogik Interessierten entstanden. Theoretische Materialien werden dabei mit Stimmen aus der Praxis verbunden und zusammen mit Anregungen zur Praxisforschung und diversen Reflektionsaufgaben kombiniert. Diese Kurse – sogenannte ‘Lernreisen’ – sind mehr als reine Wissensvermittlung. Sie laden zu kreativen, transformativen und damit nachhaltigen Lernreisen für Erwachsene ein!
Diese Kurse haben wir in fünf Lernfelder gruppiert, die von pädagogischen Grundlagen, über verschiedene Fach- und Themenbereiche sowie Fragen der Selbstverwaltung und Schulführung bis hin zu dem Bereich Gesundheit und persönliche Entwicklung reichen. Dem momentan dringlichen Bereich Medienpädagogik und Kreativität ist dabei ein eigenes Lernfeld gewidmet.
Der ganzheitliche Ansatz in unserem Angebot, die Kombination von Denken, Fühlen und Wollen, findet sich in Form der drei Lernräume wieder: dem Erfahrungsraum, dem Begegnungsraum und dem Denkraum. Mit der Sortierung unter diesem Blickwinkel möchten wir unseren Nutzer*innen eine neuro-diversitätssensible Auswahl zwischen verschiedenen Lernwegen ermöglichen und unsere Angebote bewusst vielfältig und multimodal gestalten. Während sich einige Angebote wie das Lesen eines Blogs oder das Anhören eines Podcasts eindeutig einem dieser Räume zuordnen lassen, werden sich gerade bei den Lernreisen die verschiedenen Räume überschneiden. Da es uns dabei auf ein ganzheitliches Erlebnis ankommt, haben wir die Lernreisen dem Erfahrungsraum zugeordnet.
Elewa als Kohärenzraum: Kooperationsbereitschaft und Achtsamkeit im Miteinander
Der ursprüngliche Impuls für eine online Plattform beinhaltete die Idee, dass verschiedene Seminare und Ausbildungsstätten eigene online Angebote auf der elewa Seite bereitstellen, so dass Menschen, die eine (waldorf)pädagogische Fortbildung suchen, über eine zentrale Plattform darauf zugreifen können. Während diese Idee der Synergie auf institutioneller Ebene bisher nur eine anfängliche Resonanz erfahren hat, haben einzelne Anbieter*innen und europäische Projekte den Mehrwert einer gemeinsamen Plattform erkannt und nutzen elewa für ihre Angebote.
Im Einklang mit der bereits erwähnten Vision eines “Online Co-Learning und Co-Working Space” wollen wir unser Augenmerk zukünftig noch stärker auf den Aspekt der lernenden Gemeinschaft lenken. Wir verstehen elewa als eine Insel der Kohärenz, einen virtuellen Raum, in dem sich Menschen zusammenfinden, die gemeinsam und voneinander lernen wollen, denen Achtsamkeit im Miteinander wichtig ist, die diversitätssensibel denken und fühlen und mit ihrem Tun dazu beizutragen wollen, die Welt zu einem besseren Ort für sich und für andere zu machen. Das können Pädagog*innen oder Eltern sein, die sich durch eine zukunftsfähige Bildungsarbeit bzw. Erziehung für eine gesunde Kindheit und Jugend engagieren und die sich mit Hilfe von online Angeboten entsprechend weiterbilden und entwickeln wollen. Das können aber auch Menschen sein, die sich besonders von der Idee des Co-Working-Space angesprochen fühlen, die die Vision von Achtsamkeit und Kooperation teilen, und die mit eigenen Kursen oder Veranstaltungen – online oder auch in Kombination mit offline/in Präsenz – zu einem diversen, ganzheitlichen Gesamtangebot beitragen wollen.
Die Tatsache, dass durch die Förderung des Bundes der Freien Waldorfschulen und verschiedener Stiftungen bisher die meisten online Angebote für die Teilnehmer*innen kostenfrei sind, schließt keinesfalls aus, dass wir zukünftig auch beitragspflichtige Kurse oder andere Angebote aufnehmen.
Sollte diese Idee Dich angesprochen haben, dann nimm gerne Kontakt zu uns auf 🙂
So starten wir jetzt also – passend zum Wachsen und Werden in der Natur um uns herum – zu einem neuen Lebensabschnitt von elewa-eLearningWaldorf e.V. Wir hoffen darauf, Vielen von Euch bei unseren Angeboten zu begegnen und sowohl interessierte Nutzer*innen als auch neue Mit-Gestalter*innen für unseren “Online Co-Learning and Co-Working Space” zu finden und kennen zu lernen. Wir sind gespannt, was die nächsten Jahre bringen werden!
Ulrike Sievers